RP Reha | 2/2018

Schwerpunkt

Rehabilitation und Gender

EDITORIAL

In den letzten Jahren haben Studien wiederholt auf die besonders hohe Gewalt­betroffen­heit und die mehrfachen Diskrimi­nierungen hinge­wiesen, denen sich behinderte Frauen und Mädchen ausgesetzt sehen. Da Gewalt­situa­tionen gerade dort entstehen, wo Abhängig­keiten zu Tage treten, ist die Thematik insbe­sondere im Kontext von Rehabili­tation und Pflege relevant. Nicht zuletzt die Kenntnis hierüber war Anlass, die aktuelle Ausgabe der RP-Reha dem Thema „Rehabili­tation und Gender“ zu widmen.

Eine vertiefte Befassung mit dem Thema zeigt, wie umfassend Lebens­situationen durch das Zusammen­treffen der Merkmale „weiblich“ und „Behin­derung“ beein­flusst werden. Zudem muss mit dem Thema „Rehabili­tation und Gender“ weit mehr in den Blick genommen werden als die mehrfache Diskrimi­nierung von Mädchen und Frauen mit Behin­derung. Die vorliegende Ausgabe der RP-Reha nähert sich dem Thema „Rehabili­tation und Gender“ daher aus verschie­denen Perspektiven.

Gisela Hermes befasst sich im ersten Beitrag mit mehr­dimensio­naler Diskrimini­erung behinderter Frauen und Mädchen. Anhand weib­licher Schön­heits­normen, traditio­neller Geschlechter­rollen, Sexualität und Mutter­schaft sowie der Teilhabe behinderter Frauen an Ausbildung und Arbeit veran­schaulicht die Autorin, wo und wie sich geschlechts­spezifische Diskrimi­nierungen zeigen. Ein Aspekt ihrer inter­sektio­nalen Analyse bezieht sich darauf, dass Mädchen und Frauen über­pro­portional häufig dem Risiko sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Der besonders hohen Gewalt­betroffen­heit widmet sich auch Viviane Schachler in ihrem Beitrag. In den letzten Jahren sind unter­schiedliche Projekte und Maß­nahmen entstanden, die dieser Gewalt entgegen wirken sollen. Die seit 2017 bestehende Vorgabe zu Frauen­beauftragten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) verortet sie in diesem Kontext. Neben einer Darstellung, wie es zur rechtlichen Veranke­rung von Frauen­beauf­tragten in WfbM kam, benennt der Beitrag auf Grund einer Literatur­analyse, welche Bedin­gungen für eine erfolg­reiche Arbeit der Frauen­beauf­tragten notwendig sind. Wesen­tlich ist danach u.a. eine aus­reichende und hoch­wertige Schulung der Frauen­beauf­tragten in Leichter Sprache mit integriertem Selbst­vertei­digungs-/ Selbst­behauptungs­training. Wie ein solches Schulungs­programm in der Praxis aussehen kann, erörtert Rosa Schneider. Im Interview stellt sie das Projekt „frauen.stärken.frauen.“ vor. Im Rahmen des Projekts werden Frauen mit Lernsch­wierig­keiten zu Selbst­behauptungs­trainer­innen ausge­bildet, die dann als Multipli­katorinnen in Einrich­tungen tätig werden.

Die Autorinnen verweisen auf die hohe Bedeutung des Artikel 6 UNBehinderten­rechts­konvention. Die in Deutschland rechtsver­bindliche Vorschrift verpflichtet die Vertrags­staaten, behinderte Frauen besonders zu schützen. Die hohe Relevanz der Vorschrift zeigt sich auch darin, dass der UN-Fachaus­schuss für die Rechte von Menschen mit Behinde­rung im Jahr 2016 die Bedeu­tung dieses Artikels in einer Allge­meinen Bemerkung ausge­führt hat (Auszüge in der Rubrik Inter­nationales).

Auf innerstaatlicher Ebene spielt das Sozialrecht eine zentrale Rolle, wie Leistungen bei (chronischer) Krankheit, Behinderung und Pflege­bedürftig­keit auszu­gestalten sind. Auch in den hierfür maßgeblichen Sozialrechts­gebieten treten Rechts­fragen auf, die unter Gender­aspekten besonders interessant sind. Hierauf wird der Blick in der Recht­sprechungs­übersicht gerichtet. Neben aktuellen Entschei­dungen aus dem Reha­bilitations­recht finden sich solche mit Bezug zu den Themen „Kranken­versiche­rung und Gender“ sowie „Pflege und Gender“. Zudem setzen sich Maren Conrad-Giese und Diana Ramm in einer Entschei­dungs­anmerkung mit der Feststellung und Zuerkennung eines Grades der Behinderung (GdB) sowie des Merkzeichens „G“ für einen inter­sexuellen Menschen auseinander.

Nach wie vor beschäftigt das Bundesteilhabegesetz (BTHG) die Akteure der Rehabili­tations­praxis und -wissenschaft, sodass das BTHG auch in der RPReha ein präsentes Thema bleibt. Natascha Tüttelmann gibt in ihrem Beitrag einen Überblick über die Neu­rege­lungen zur Gleich­stellung behinderter Soldaten und Soldatinnen, die zum 30. Dezember 2016 eingeführt wurden. Gabriele Kuhn-Zuber befasst sich mit den Regelungen zur Einkommens- und Vermögens­anrech­nung im Recht der Eingliede­rungs­hilfe, die ab dem 1.1.2020 gelten werden. Auch Roland Rosenow rückt die künftige Eingliede­rungs­hilfe in den Fokus seiner Darstellungen. Künftig werden Leistungs­erbringer verpflichtet sein, Leistungen der Eingliede­rungshilfe unter Beachtung der Inhalte des Gesamt­plans zu erbringen. Der Autor untersucht, welche Folgen aus dieser Vorschrift erwachsen.

Ergänzt wird das Heft durch ein Interview mit dem neuge­wählten Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Reha­bili­tations­wissen­schaften (DGRW), Wilfried Mau, und aktuelle Nachrichten zum Rehabili­tations­geschehen.


Marianne Hirschberg
Katja Nebe

 

I N H A L T

Sozialpolitik und Rehabilitation

Mehrdimensionale Diskriminierung von Mädchen und Frauen mit Behinderung

Eigenbeitrag in der Eingliederungshilfe ab 1. Januar 2020

Gesamtplan nach § 121 SGB IX idF BTHG – Verwaltungsakt mit Drittwirkung


Rechtsprechung

Nachträgliche Feststellung des Grades der Behinderung bei berech­tigtem Interesse und das Merkzeichen „G“
Bayerisches LSG, Urt. v. 10. September 2014, L 3 SB 235/13

Rechtsprechungsübersicht


Praxis der Rehabilitation

Gleichstellung von behinderten mit schwerbehinderten Menschen für Soldatinnen und Soldaten

Trainerinnen gegen Gewalt
Rosa Schneider über das Projekt „frauen.stärken.frauen.“


Aus Forschung und Praxis

Frauenbeauftragte in Werkstätten für behinderte Menschen
Zusammenhänge der Einführung und verordnungsrechtliche Ausgestaltung

11 Fragen an: Wilfried Mau


Internationales

Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen
Auszug aus der Allgemeinen Bemerkung Nr. 3 (2016) zu Frauen und Mädchen mit Behinderungen

Internationale News


Infothek

Aktuelles aus der Praxis der Rehabilitation
Aus dem Diskussionsforum Rehabilitations- und Teilhaberecht
Veranstaltungen
Neuerscheinungen und Literaturempfehlungen


 

RP Reha | Ausgabe 2/2018
64 Seiten
ISSN 2366-7877

32,00 €

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