RP Reha | 3/2017

Schwerpunkt

MIGRATION, FLUCHT UND BEHINDERUNG: Herausforderungen für die Rehabilitation

EDITORIAL

In den letzten zwei Jahren haben die Themen Flucht und Migration Politik und Gesellschaft intensiv beschäftigt. Anlass dafür war ein starker Anstieg der Zuwanderung in die Europäische Union (EU) seit 2015, der sich für Deutschland als einem der Hauptziel­länder statistisch abbilden lässt: Laut Migrations­bericht wurden z.B. im Jahr 2015 2,14 Millionen Zuzüge registriert (Zuwachs zum Vorjahr: 46 Prozent), einschließlich Unions­bürgern aus anderen EU-Staaten sowie Deutschen. Die Zahl der Einreisen von Schutz­suchenden lag bei 890.000 Menschen (wobei das statistische Bundesamt von einer Untererfassung ausging). Bei den Asylanträgen waren insgesamt 476.649 (Erst- und Folgeanträge) und damit ein Plus von 135 Prozent im Vergleich zu 2014 zu verzeichnen. Insgesamt wurden im selben Jahr ca. 17,1 Millionen Personen bundesweit (rd. ein Fünftel der Bevölkerung) als Bevölkerung mit Migrations­hintergrund nach der Definition des statistischen Bundesamtes erfasst. Die zunehmende Zahl von Menschen, die ihre Heimat verlassen, um anderswo Zuflucht zu suchen, bringt große Heraus­forde­rungen mit sich, und zwar sowohl für das aufnehmende Land als auch für die zugewanderten Menschen. Das aktuelle Heft widmet sich diesen aus dem Blickwinkel von Recht und Praxis der Rehabilitation und Teilhabe.

Wer auf der Flucht ist, hat oft Schlimmes erlebt. Krieg, Gewalt, Hunger oder Armut am Heimatort, aber auch die Ereignisse während der Reise in eine mehr oder weniger ungewisse Zukunft hinterlassen in der Regel Spuren und können sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit nachhaltig beein­trächtigen. (Drohende) Behinderungen sind häufig die Folge. Um Teilhabe­einschrän­kungen zu vermeiden und soziale Inklusion und Teilhabe der betroffenen Menschen zu fördern, sind eine angemessene Versorgung und Unterstützung von zentraler Bedeutung. Diese wird jedoch häufig erschwert: zum Beispiel durch Probleme der sprachlichen Verständigung, Informations­defizite oder auch kulturelle Unterschiede im Umgang mit Beeinträch­tigungen.

Entsprechende, am spezifischen Unterstüt­zungsbedarf orientierte Angebote vorzuhalten ist mehr denn je auch Aufgabe des Gesundheits- und Sozialsystems und damit auch der Rehabilitation. Die Beauftragten der Bundes­regierung für die Belange von Menschen mit Behinde­rungen sowie für Migration, Flüchtlinge und Integration, Verena Bentele und Aydan Özoğuz, haben die Verbesserung der Lebens­situation von Menschen mit Einwande­rungs­geschichte, die mit Beeinträch­tigungen und Behinderungen leben, bereits auf eine gemeinsame politische Agenda gesetzt. In einem Interview benennen sie als Problemfelder unter anderem Diskriminierung beim Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, mangelnde Barriere­freiheit sowie fehlende kultursensible Angebote u.a. im Gesund­heitswesen.

Die Bundesregierung hat in ihrem zweiten Teilhabebericht über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträch­tigungen 2016 einen besonderen Fokus auf die Lebenssituation von Menschen an der Schnittstelle von Behinderung und Migration gerichtet. Auf Ergebnisse dazu wird im Beitrag von Gudrun Wansing und Swantje Köbsell Bezug genommen.

Weitere Einblicke in die Lebenswelten von geflüchteten Menschen mit Behinde­rungen liefert Mirjam Schülle. Auf Grundlage von Stellung­nahmen von im Feld tätigen Organisationen der Zivilgesellschaft und der Praxis gibt sie einen Überblick u.a. über vorkommende Beeinträch­tigungs­formen, Wissen zum behördlichen Identi­fizierungs­verfahren sowie zur Versorgungs­situation mit Gesundheits- und Pflege­leistungen.

Tina Denninger befasst sich mit der Beteiligung von Menschen mit Migrations­hintergrund bzw. Geflüchteten mit Behinderung an politischen Prozessen und verweist auf die nur eingeschränkten Partizi­pations­möglich­keiten.

Sindy Lautenschläger und Christine Dörge konstatieren in ihrem Beitrag einen Mangel an Fortbildungsangeboten zum Thema interkulturelle Kompetenz in der Pflege und stellen ein Fortbildungs-Curriculum dazu vor.

Patrick Brzoska und Oliver Razum legen den Fokus auf migrations- und diversitäts­orientierte Angebote im Feld der medizinischen Rehabilitation. Sie zeigen Unterschiede in der Gesundheit zwischen Menschen mit Migrations­hintergrund und der Mehrheits­bevölkerung auf, die sich u.a. in berufs­bedingten Belastungen, Arbeitsunfällen, Berufs­krankheiten und Erwerbs­minderungen widerspiegeln.

Dem Thema Sprache und Rehabilitation aus anderer Perspektive widmet sich Angelice Falk. Die Autorin prüft in ihrem Beitrag, ob sich dem Sozialrecht ein Anspruch auf Übernahme von Dolmetscher­kosten entnehmen lässt.

Die Rubriken Internationales und Infothek beschließen das Heft mit über den Themen­schwerpunkt hinaus­gehenden Informationen. Berichtet wird u.a. über das Urteil Çam/Türkei des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR), zudem finden sich Auszüge aus der Rechtssache Milkova/Bulgarien vom 09. März 2017 sowie ein Interview zu Frauen­beauftragten in Werkstätten und in Wohnein­richtungen für Menschen mit Behinderungen.

Larissa Beck
Gudrun Wansing

 

I N H A L T

Sozialpolitik und Rehabilitation

Cindy Schimank | Nikola Hahn
BEHINDERUNG, MIGRATION UND FLUCHT GEMEINSAM DENKEN
Interview mit Verena Bentele und Aydan Özoguz

Gudrun Wansing | Swantje Köbsell
BEHINDERUNG UND MIGRATION IN DER TEILHABEBERICHTERSTATTUNG

Patrick Brzoska | Oliver Razum
ANSÄTZE MIGRATIONS- UND DIVERSITÄTSSENSIBLER VERSORGUNG IN DER MEDIZINISCHEN REHABILITATION

Mirjam Schülle
GEFLÜCHTETE MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN – VERSORGUNGSLAGE, ZUGANG ZUM HILFESYSTEM UND UNTERBRINGUNG


Rechtsprechung

Angelice Falk
DIE BEHANDLUNGSAUFKLÄRUNG VON FREMDSPRACHIGEN PATIENTEN/INNEN UND DER SOZIALRECHTLICHE ANSPRUCH AUF ÜBERNAHME VON DOLMETSCHERKOSTEN

RECHTSPRECHUNGSÜBERSICHT


Praxis der Rehabilitation

Sindy Lautenschläger | Christine Dörge
KULTURELLE PFLEGEKOMPETENZ IN DER REHABILITATION


Forschung und Praxis

Tina Denninger
BEHINDERUNG UND MIGRATION – EINE BUNDESPOLITISCHE LEERSTELLE?
Berücksichtigung von Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderungen sowie Geflüchteten mit Behinderungen in politischen Prozessen auf Bundesebene


Internationales

INTERNATIONALE NEWS UND ENTSCHEIDUNGEN


Infothek

AKTUELLES AUS DER PRAXIS DER REHABILITATION

AUS DEM DISKUSSIONSFORUM „REHABILITATIONS- UND TEILHABERECHT“

VERANSTALTUNGEN

NEUERSCHEINUNGEN UND LITERATUREMPFEHLUNGEN


 

RP Reha | Ausgabe 3/2017
68 Seiten
ISSN 2366-7877

32,00 €

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